12.12.2015 12:07
von Dr. Beate Kummer

Quelle: ©iStock.com/EdStock

Bei neuen Automobilkonzepten interessiert die Hersteller vor allem eins: das Gewicht. Sie setzen daher zunehmend auf Leichtbaumaterialien. Doch für Aufbereiter von Altfahrzeugen stellt der neue Trend ein ernsthaftes Problem dar.

Sparsam, energieeffizient und nachhaltig sollen sie sein, die neuen Autos. Aus diesem Grund suchen die Hersteller intensiv nach leichten Werkstoffen. Vor allem hochfeste Stähle, Faserkunststoffverbunde sowie Kombinationen der beiden und Stahl-Leichtmetall-Varianten zählen zu den präferierten Materialien. Für alle Materialien aber gilt: Sie lassen sich nach heutigem Stand der Technik nicht oder nur schwer aufbereiten.

Die Leichtbaumaterialien haben daher das Potenzial, sich zum Sorgenkind der Altauto-Recycler zu entwickeln. Schon heute beträgt der Anteil an recycelbaren Eisen- und NE-Metallen nur noch 75 bis 80 Prozent eines Fahrzeugs. Große Schrottrecycler wie Scholz oder TSR befürchten, dass es mit den neuen Leichtbaumaterialien noch schwieriger werden wird, die vorgegebene Verwertungsquote von derzeit 95 Prozent zu erreichen.

Bislang treten die Probleme nur in kleinem Maßstab auf. Denn noch ist der Trend zum Leichtbau relativ jung. Die Probleme mit der Verwertung von Verbundstoffen und CFK werden erst in gut zehn Jahren in größerem Stil zutage treten, wenn die erste Welle an Leichtbauautos entsorgt wird. Dann wird sich vorausssichtlich zeigen, dass der Aufwand für die Altauto-Verwertung und die Ansprüche an die Aggregate deutlich steigen werden.

Mehr Kunststoffe

„Nehmen wir Stahl-Aluminium-Verbunde. Da ist alles geklebt und nichts mehr geschraubt. Das lässt sich noch nicht mal mit einem Großschredder sauber auseinandernehmen“, sagt Bernd Fleschenberg, Geschäftsführer von TSR. Mit anderen Hybridmaterialien, die vernietet, verklebt oder sonst wie verpresst seien, verhalte es sich ähnlich.Aber nicht nur diese Verbunde bereiten Probleme. Auch der zunehmende Anteil von Werkstoffen aus Metall und Kunststoff gestaltet sich schwierig. Je mehr Kunststoffe aus Mischwerkstoffen in den Shredder gelangen, desto höher wird das Volumen der Shredder-Schwerfraktion (SSF) und Shredder-Leichtfraktion (SLF). Damit geht der PVC-Anteil in den Fraktionen nach oben, gleichbedeutend mit einem Anstieg des Chlorgrenzwertes. Der darf aber nicht über ein Prozent liegen, sonst darf das Material nicht in die Verbrennung.

Inzwischen werden in Autos etwa 15 bis 20 Prozent Kunststoff verbaut. „Der Anteil nimmt künftig zu“, sagt Beate Kummer, Pressesprecherin beim Metallrecyclingkonzern Scholz. 30 bis 40 Prozent seien im Einzelfall durchaus denkbar.

CFK: Ein geringeres Übel

Ebenfalls problematisch ist der Trend, Standardkunststoffe durch Glasfaser-verstärkte oder Kohlefaser-verstärkte thermoplastische Kunststoffe, etwa Polyamid (PA6) oder Polypropylen zu ersetzen. „Eine thermische Verwertung ist bei diesen verklebten Materialien zwar möglich, aber nicht im Sinne der Abfallhierarchie“, sagt Bernd Fleschenberg. Insbesondere Kohlefaser-verstärkte Kunststoffe (CFK) seien zu teuer, um sie einfach zu verbrennen. Die CFK zu recyceln, ist ebenfalls nicht möglich. Dafür fehlen bislang noch die geeigneten Verfahren.

Gelangen deshalb die Kohlenstofffasern in den Shredder, können unerwünschte Nebenwirkungen entstehen. Beim Shreddern werden die Fasern aus ihrem Kunststoffbett herausgelöst. Da sie sehr leitfähig sind, können dadurch naheliegende elektrische Schaltungen oder Schaltschränke beschädigt werden. Außerdem sind sie sehr fein und scharfkantig und gefährden so möglicherweise die Gesundheit der Mitarbeiter.

Darüber hinaus tauchen die Fasern nach dem Shreddern wieder in der Shredder-Schwerfraktion auf. „Dort sind sie nicht mehr abzutrennen und verschmutzen anfallende Sekundärprodukte“, erklärt Beate Kummer.

Erste Shredderversuche

Einige Vertreter der Schrottwirtschaft reagieren bereits auf diese Entwicklung und testen die Aufbereitung hochfester Stähle und Stahl-Faserkunststoffverbunde. TSR versucht es mit eigenen Shredderversuchen, aber auch Shredderhersteller sind inzwischen aktiv.

„Wir haben verschiedene Schrottscheren, Shredderaggregate und Zerspaner im Angebot. Aber dass es ohne Vorsortierung geht, können wir unseren Kunden nicht garantieren“, sagt Franz Duspiva, Verkaufsleiter beim österreichischen Anlagenbauer ATM Recyclingsystems. Darüber hinaus versucht das Unternehmen in Kooperation mit der Montanuniversität Leoben, neue Wege für die Auftrennung zu finden.

Daneben hat TSR die Tochtergesellschaft REMINE gegründet. Ihre Zielsetzung ist es, mehr Wertstoffe, insbesondere aus der Shredderleichtfraktion grob, zu gewinnen. „Durch die Miniaturisierung und stetig größer werdende Elektrifizierung werden zunehmend mehr feinste Kupferkabel verschleppt. Diese wollen wir – ähnlich wie Kunststoffe – aus der Schredderleichtfraktion grob herauslösen“, erklärt Bernd Fleschenberg.

Gemeinsames Rücknahmesystem

Klar ist aber auch, dass die Schrottaufbereiter die Last nicht alleine tragen können. Um in Zukunft einen hohen Recyclingstandard gewährleisten zu können, wünschen sich sowohl TSR als auch Scholz Recycling einen intensiveren Austausch mit der Automobilindustrie. Bisher sei der Austausch zur Recyclingfähigkeit der eingesetzten Materialien aber noch nicht vorangekommen.

Die Entscheidung, in eine bestimmte Recyclingtechnologie zu investieren, falle vor diesem Hintergrund schwer, erklärt Beate Kummer. „Wir können uns technologisch erst dann vorbereiten, wenn der Abfall oder das Produkt vor uns liegt“, ergänzt Bernd Fleschenberg. Beide wollen mehr Dialog.

Zusätzlich fordern Fleschenberg und Kummer mehr Unterstützung von der Politik. „Es reicht nicht aus, dass die Hersteller nur die Recyclingfähigkeit ihrer Produkte nachweisen müssen“, sagt Kummer. Notwendig sei mehr Produktverantwortung. Fleschenberg geht noch einen Schritt weiter. „Ich könnte mir die Entwicklung für ein gemeinsames Rücknahmesystem mit OEMs durchaus vorstellen“.

Altauto-Recycling wird teurer

Ob dieser Ruf von der Politik gehört wird, bleibt abzuwarten. Die Politik reagiert in der Regel erst dann, wenn die Verwertungsquote ernsthaft in Gefahr gerät. Das wäre erst in vielen Jahren der Fall.

In der Zwischenzeit dürfte der Trend zum Leichtbau die Altauto-Aufbereitung verändern. Sei es durch aufwändigere Vor- und Nachsortierung, stärkere händische Montage oder eingehauste Shredderanlagen. Unter diesen Umständen dürfte dann die Verwertung von Altfahrzeugen deutlich teurer werden.

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